Die Filmbranche befindet sich im Wandel: Große Studios bündeln immer mehr ihre Vertriebskanäle, was vor allem das sogenannte „Pay-1“-Fenster, also die erste Phase nach dem Kinostart, in der Filme exklusiv auf Streamingplattformen oder Pay-TV angeboten werden, zu einem umkämpften und komplexen Terrain macht. Dabei geht es um ein sensibles Gleichgewicht zwischen Exklusivität, Reichweite und finanziellen Erträgen – und das kostet.

Während Einnahmen aus Kinosälen sinken und digitale Verkäufe durch frühes Streaming auf eigenen Plattformen schrumpfen, gewinnt das Pay-1-Fenster an Bedeutung. Doch die klare Struktur, die es früher gab, ist heute nicht mehr gegeben.

Das Ende der Exklusivität bei Pay-1

Früher war das Pay-1-Fenster ein einfaches Geschäft: Eine Plattform bekam exklusiv einen Film, zahlte dafür eine feste Lizenzgebühr – alle zufrieden. Heute sieht die Realität anders aus.

Universal ist ein gutes Beispiel: In den USA landen die meisten Filme nach dem Kino auf der eigenen Streamingplattform Peacock, in Europa nutzt Universal für Länder wie Großbritannien, Italien oder Deutschland Sky und SkyShowtime. In Regionen ohne eigene Streaming-Plattform setzt Universal auf Lizenzverträge mit Drittanbietern wie Amazon Prime – etwa in Kanada, Japan oder Brasilien. Und obwohl Universal in Lateinamerika mit Universal+ vertreten ist, hält Warner Bros. Discovery dort die Pay-1-Exklusivität mit Max.

Andere Länder zeigen eine bunte Mischung: In Frankreich sichert sich Canal+ die Pay-1-Rechte, in Südafrika arbeitet Universal mit Showmax zusammen, in Australien gibt es sogar eine gemeinsame Pay-1-Vereinbarung mit Foxtel und Netflix.

Dieses komplexe Geflecht spiegelt die lokale Marktsituation wider. Wo Universal keine starke eigene Plattform hat, wird der Content verkauft. Wo sie stark sind, setzen sie auf Kontrolle. Das führt dazu, dass traditionelle Pay-TV-Anbieter zunehmend verdrängt werden.

Netflix’ Doppelstrategie: Eigenproduktionen und Lizenzverkäufe

Netflix setzt stark auf eigene Filme – 2024 waren es 47 englischsprachige Originalfilme. Dennoch nutzt Netflix Pay-1-Lizenzen, um das Angebot zu erweitern, da einige Eigenproduktionen nicht den erhofften Erfolg bringen.

In Australien teilt sich Netflix mit Foxtel die Pay-1-Rechte für Universal-Filme. In Südkorea ist Netflix der größte Lizenznehmer vor dem lokalen Anbieter OCN. In Kanada kauft Netflix aggressiv Pay-1- und sogar Pay-2-Rechte, da dort vertikale Integration durch lokale Streamer erschwert wird.

Obwohl Netflix die Pay-1-Lizenzkäufe für Serien reduziert hat, zieht der Streamingriese bei Filmen weiterhin mit und versucht sogar, in Märkten Fuß zu fassen, wo andere Studios Lücken hinterlassen. Für unabhängige Produzenten bieten sich hier Chancen, vor allem dort, wo große Plattformen an ihre Grenzen stoßen.

Timing als Erfolgsfaktor

Die Zeit zwischen Kinostart und Verfügbarkeit auf Streaming oder Pay-TV wird immer wichtiger und wird gezielt gesteuert. Früher waren es meist drei Monate, heute variiert es stark von Film zu Film.

Disney liefert seine Filme meist 90 Tage nach Kinostart an Disney+, blockbusterartige Filme können länger exklusiv im Kino bleiben. Lionsgate verzögert Streamingfenster oft um vier Monate, um mehr über digitale Verkäufe zu verdienen. Sony geht eher klassisch vor und bringt Filme etwa fünf Monate nach dem Kino auf Netflix.

Universal zeigt sich hier unberechenbar: Einige Filme landen bereits nach drei Monaten auf Peacock, andere wie „Oppenheimer“ erst nach fast sieben Monaten. Auch Paramount nutzt eine Mischung aus schnellen und langen Fenstern.

Für Lizenzverhandler ist das Timing ein Balanceakt: Zu früh freigeben kann Einnahmen verringern, zu spät bedeutet oft den Verlust des Schwungs.

Großbritannien als Versuchslabor

Besonders im UK zeigt sich, wie stark sich die Regeln verschieben. War Pay-TV früher klar führend, sind mittlerweile Streamingdienste wie Disney+, Paramount+ und Peacock wichtige Player geworden. Sky hat als Pay-TV-Anbieter stark an Macht verloren, von ehemals 80 % Pay-1-Filmen laufen heute weniger als 50 % dort.

Amazon mischt sowohl bei Pay-1 als auch bei späteren Fenstern mit. Netflix verliert Pay-1-Rechte, kämpft aber um Pay-2 und Pay-3. Free-TV Sender holen sich Filme früher als früher – teilweise schon kurz nach dem Streamingstart.

Diese Entwicklung macht die späteren Fenster immer wichtiger – für Umsätze, Markenbildung und Franchise-Promotion.

Fazit: Das Pay-1-Fenster als Schlüssel zum Erfolg

Das Pay-1-Fenster ist heute keine feste Größe mehr, sondern ein strategisches Instrument, das Studios und Plattformen individuell einsetzen. Ob zur Stärkung eigener Dienste, zur langfristigen Wertschöpfung oder schnellen Einnahmen: Der Mittelteil des Filmvertriebs entscheidet mit.

Universal, Netflix und Disney zeigen, wie unterschiedlich die Strategien sein können, und wie wichtig es ist, die lokalen Märkte genau zu verstehen. Wer hier flexibel bleibt, Trends bei Pay-2 und Pay-3 erkennt und Lücken im Markt nutzt, hat Vorteile.

Exklusivität ist zwar nicht mehr garantiert, aber im komplexen Lizenzspiel bleibt Pay-1 eine wichtige Hebelwirkung – für kluge Lizenznehmer, die wissen, wo sie suchen müssen.

FILMTAKE berichtet ausführlich.

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