Am Rande des Festival de Cannes wurde mit DOGMA 25 Germany eine neue filmische Bewegung vorgestellt, die sich bewusst in die Tradition des dänischen Dogma-95-Kinos stellt – und gleichzeitig eine Antwort auf die Gegenwart des digitalen, stark industriell geprägten Filmgeschäfts formulieren will.
Initiiert wird das Projekt von fünf prägenden Stimmen des deutschsprachigen Gegenwartskinos: Tom Tykwer, Helene Hegemann, İlker Çatak, Nora Fingscheidt und Kurdwin Ayub. Jeder von ihnen entwickelt im Rahmen der Bewegung einen eigenen Kinofilm.
Kino als Gegenmodell zur Produktionslogik
DOGMA 25 Germany versteht sich als bewusster Gegenentwurf zu aktuellen Produktionsbedingungen: steigende Budgets, fragmentierte Finanzierungsmodelle und eine zunehmende Orientierung an marktfähigen Formaten. Die Initiative will diese Logik durchbrechen und das Kino wieder als experimentellen, riskanten und kollektiven Prozess denken.
Die Bewegung knüpft dabei explizit an DOGMA 95 an, das in den 1990er-Jahren von Lars von Trier und Thomas Vinterberg geprägt wurde und mit radikalen Regeln das europäische Autorenkino nachhaltig beeinflusste.
Zehn Regeln für radikale Reduktion
Kern des Projekts ist ein Manifest mit zehn verbindlichen Regeln, die als „Keuschheitsgelübde“ bezeichnet werden. Sie sollen kreative Prozesse bewusst verengen, um künstlerische Freiheit zu erweitern.
Zu den zentralen Vorgaben gehören unter anderem:
- handschriftlich verfasste Drehbücher
- mindestens 50 Prozent des Films ohne Dialog
- Verzicht auf Internet in allen kreativen Prozessen
- maximal zehn Personen hinter der Kamera
- Dreh an realen Originalschauplätzen
- kein Make-up oder digitale/ästhetische Körpermanipulation
- ausschließlich geliehene, gefundene oder wiederverwendete Requisiten
- Fertigstellung innerhalb von zwölf Monaten
- ein stark reduziertes Budget ohne inhaltliche Vorgaben der Finanzierung
Abgeschlossen wird das Regelwerk mit einer bewusst offenen Maxime: Der Film soll entstehen, „als wäre es der letzte“.
Produktionsstruktur und Förderung
Organisatorisch wird DOGMA 25 Germany von mehreren etablierten europäischen Produktionshäusern getragen, darunter X Filme Creative Pool, Zentropa Germany und if… Productions.
Für den Verleih ist X Verleih vorgesehen, während TrustNordisk den internationalen Vertrieb übernimmt. Als erste Förderinstitution ist die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein beteiligt.
Reaktion auf eine Branche im Umbruch
Die Initiator:innen begründen das Projekt auch als Reaktion auf strukturelle Veränderungen der Filmindustrie. Kino werde zunehmend durch Algorithmen, standardisierte Produktionsweisen und wirtschaftliche Sicherheitslogiken geprägt. DOGMA 25 soll dem ein bewusst reduziertes, handwerklich orientiertes Modell entgegensetzen.
Dabei wird auch die Produktionspraxis selbst zum künstlerischen Statement: kleine Teams, begrenzte Ressourcen und die Arbeit im direkten physischen Raum sollen spontane Entscheidungen und Unvorhersehbarkeit wieder stärker ins Zentrum rücken.
Ein bewusstes Experiment
DOGMA 25 Germany versteht sich nicht als Stil, sondern als Arbeitsmethode. Die Einschränkungen werden dabei nicht als Verlust, sondern als produktive Bedingung verstanden – als Versuch, das Kino aus seiner aktuellen Produktionslogik herauszulösen.
Ob sich daraus tatsächlich eine neue Bewegung entwickelt, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Mit der Beteiligung etablierter Filmemacher:innen und starker europäischer Produktionspartner ist DOGMA 25 bereits jetzt ein Signal an die Branche.
