Wer kennt ihn nicht, den Bann der Short Reels auf Social Media. Der Algorithmus präsentiert uns eine bute Mischung aus lustigen und schockierenden Filmchen. Letztere sorgen für das Doomscrolling, denn Menschen werden von vermeintlichen Gefahren angezogen. Das sorgt für stundenlanges Verweilen auf sinnlosen Kurzfilmchen. Nach zwei Stunden kann man sich berechtigt fragen, was einem das gebracht hat. Wie oft ist dir das bei einem Kinofilm passiert? Richtig gute Filme können dein Leben verändern, richtig schlechte Filme bieten zumindest Stoff für Smalltalk. Im Unterschied zu Social-Media "Shorts“ kannst du dich hinterher erinnern, was in diesen Lebensstunden passiert ist. Kinofilm wird genau deshalb seine Bedeutung auch in diesem Jahrtausend behalten. Gemeinsame Erlebnisse sind für uns Menschen essenziell - und rational sinnvoller als Panikmacher.
Beim letzten „Forum Filmwirtschaft“ im Rahmen der Medientage München wurden die Panel-Teilnehmer*innen von Moderatorin Claudia Lehmann (Maz & Movie) nach dem wichtigsten Film in ihrem Leben gefragt. Die Antworten waren so bunt wie das Leben selbst. Was war dein wichtigster Filmmoment? Erinnerst du die Filme mit dem ersten Freund oder der ersten Freundin, oder mit deinen Eltern, als du noch ein Kind warst. Vermutlich alles ewig her und dennoch präsenter als der Social-Media-Clip von vor einigen Tagen. Gerade das gemeinschaftliche Erlebnis hat einen hohen Mehrwert für die Gruppe, bestätigt Werte und moralische Normen und erzeugt einen gesellschaftlichen Rahmen, der neben Sprache und Verfassung ein Zugehörigkeitsgefühl erzeugt. Genau deshalb ist Kultur so elementar für die Gesellschaft und deren Zusammenhalt. Die Entwicklung vom Individuum zur Gesellschaft erfolgt über Gemeinschaft, und Kino ist Gemeinschaft pur.
Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt den Unterschied zwischen Erlebtem und der Erinnerung an Erlebtes. Im Gedächtnis bleibt insbesondere der letzte Moment. Bei Social Media Clips überwinden wir den Drang, auch das nächste Video noch anzusehen, genau dann, wenn uns ein Video nicht triggert, also nicht besonders stark ist. Das mag der Grund sein, warum wir uns im Nachgang nur an einen Bruchteil der Einzelgeschichten erinnern können. Für eine Weiterentwicklung bewusster Meinungen oder einen Impuls für aktive Reflektion reicht das nicht aus. Unser Gehirn wird aber während dem Dauerkonsum über typische lerntheoretische Methodik trainiert. Durch die hohe Wiederholungsfrequenz von Themen und Meinungen mit ähnlicher Richtung und gleichzeitig der Variabilität der Präsentationen in unterschiedlichem Kontext lernt das Gehirn. Es entsteht Wahrheit durch Wiederholung. Dieses „Wissen“ ist irgendwann so stark verankert, dass der menschliche Geist nicht mehr in der Lage ist, es in Frage zu stellen oder zu überprüfen. 2 plus 2 ist dann 5 – einfach weil „man es weiß“ und deshalb nicht nachrechnet. Jeder der versucht hat, faktenbasierte Diskussionen mit einem Betroffenen zu führen, erkennt, dass das schlicht keinen Sinn macht.
Durch technologische Möglichkeiten und die monetären Anreize der unterschiedlichen Content-Angebote erleben wir, wie bisherige Wertehäfen abgelöst werden. Kirche, Vereine, Theater und Kino verlieren Anteile im Wettbewerb der Aufmerksamkeits-Ökonomie. Deutsche Fernsehinhalte und Kinofilme sind geeignet, unser Wertegerüst, und damit auch unsere gesamtgesellschaftliche Demokratie, zu stabilisieren. Es ist in unser aller Interesse, die Funktionsfähigkeit dieser elementaren Fundamente zu erhalten.
Aus diesem Grund: Geht ins Kino, seht (klassisch) fern und bringt eure kreative Kraft in dieses System ein.
Euer Markus Vogelbacher
und das Ensider:Team
Bild: Adobe Stock Footage
